Goschützhammer Flucht
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Flucht aus Goschützhammer
Erzählt von Agnes Weiß geb. Posprich
Gegen Ende des 2. Weltkrieges, am 19. Januar 1945, einem eisigen Wintertag, ging unser Bürgermeister, Herr Trocha, durch unser verschneites Dorf und gab den Befehl zu einer sofortigen Räumung, und zwar innerhalb von 24 Stunden. Das bedeutete, dass wir uns am 20. Januar in Goschütz auf dem Ring einfinden mussten.
Da schlachtete meine Mutter noch schnell ein Schwein, wobei ihr Ischek Mandos, ein polnischer Fremdarbeiter, Hilfe leistete. Das Schwein wurde verarbeitet, so dass wir Proviant hatten. Ein Teil des Schweins wurde im Schuppen vergraben, da hier der Boden nicht gefroren war, und säuberlich mit Stroh verdeckt. Dieser „Schatz“ sollte uns noch später zu gute kommen. Anschließend spannte Mutter eine Kuh und ein Pferd vor den großen Leiterwagen und machte sich daran, unsere Habseligkeiten darauf zu verstauen. Ganz oben wurden die beiden schwächsten Familienmitglieder, meine hoch betagte Großmutter, zu dieser Zeit schon ein Pflegefall, sowie unser jüngster Bruder, Alfons, warm in Federbetten verpackt. Unser kleiner Trupp setzte sich somit aus Martha Posprich, unserer Mutter, ihren Kindern Agnes, 15 Jahre, Felix, 11 Jahre, Herbert, 8 Jahre, und Alfons, 4 Jahre, sowie Veronika Bargende, der Großmutter, und unserer Magd, Klara Bothur, zusammen. Es sollte Verpflegung für 8 Tage mitgenommen werden, die Mutter ja auch besorgte. Nun fuhren die Familien, eine nach der anderen, sobald sie fertig wurden, von Goschützhammer nach Goschütz zum Treffpunkt. Als wir hier ankamen, stellte der Bürgermeister fest, dass unser Gefährt ohne Bremsen war und beanstandete, dass wir keinen männlichen Kutscher hatten; deswegen mussten wir unsere Sachen und „Passagiere“ auf das Fuhrwerk von Bürgermeister Trocha, soweit er noch Platz hatte, umladen. Somit führte unsere Mutter die Kuh mitsamt Leiterwagen wieder nach Goschützhammer zurück, wir hatten fortan nur noch ein Fahrrad als einziges Transportmittel.
Ein einziger Mann blieb in Goschützhammer zurück, das war Herr Gerlach, er war beauftragt worden, das Vieh zu versorgen, denn für uns alle war es selbstverständlich, dass wir wieder zurück kommen würden.
Goschütz wurde zu dieser Zeit von ca. 1200 Menschen bewohnt. Etwa die Hälfte, vor allem alte und gebrechliche Personen, wurden mit dem Feuerwehrauto zur Bahnstation nach Groß Graben gebracht. Von hier aus setzten sie ihre Flucht fort. In Goschütz wurde nun die Reihenfolge des Trecks festgelegt. Jetzt stand unsere Familie dort und wartete auf die Abfahrt. Die Straßen aus Richtung Osten (Lindenhorst) waren mit Flüchtlingen total überfüllt und es kamen laufend Fuhrwerke und Flüchtlinge zu Fuß an uns vorbei. Mit weit unter minus 10 Grad war es bitter kalt, außerdem war unsere Heimat mit einer geschlossenen Schneedecke von ca. 25 Zentimeter überzogen. Dieser Schnee behinderte uns erheblich bei der Flucht. Erst gegen Abend setzte sich der Treck im Schutze der Dunkelheit in Bewegung. Etwa fünf Bürger aus Goschütz machten sich nicht auf die Flucht, sie zogen es vor, in Goschütz zurück zu bleiben. Es durften keine Hauptstraßen benutzt werden und unser erstes, von uns angesteuertes Ziel war Strelitz am Zopten. Unterwegs übernachteten wir dreimal in gespenstisch leeren Ortschaften (Hönigen bei Juliusburg, Klein Ellgut südlich von Oels und einem Vorort von Breslau) die ebenfalls bereits geräumt worden waren.
In der Nähe von Breslau wurde das Chaos zunehmend größer, am Stadtrand kamen wir ganz zum Stehen. Man redete davon, dass eine Durchfahrt nur noch bis 22 Uhr möglich sein würde, da danach die Brücken gesprengt werden sollten. Hinzu kam, dass uns lautes Geschützfeuer in Angst und Schrecken versetzte und schließlich wurde auch noch unser Treck getrennt. Die ganze Nacht hindurch marschierten wir, immer das Geschützfeuer im Rücken, bis wir in Strehlitz waren.
In Strehlitz angekommen, wurden wir erst einmal für die nächsten Tage in feste Quartiere eingewiesen. In einem Nachbarort waren die Wildheider (Sakrau) einquartiert. Während dessen vereinbarten die Bürgermeister, dass meine Großmutter Veronika zu ihrem Mann in den Treck Wildheide verlegt werden sollte, was auch geschah. In Strehlitz kaufte meine Mutter neue Kleider für uns Kinder, und das sogar erstmals ohne Bezugsschein.
Nach etwa 14 Tagen mussten wir allerdings weiter ziehen, da sich die militärische Lage nicht so entwickelte wie wir gehofft hatten. Von Strehlitz aus zogen wir gen Westen, über das Gebirge, und anschließend quer durch Tschechien. Vor uns in der Kolonne fanden wir jetzt den Flüchtlingstreck von Wildheide wieder. Auf diesem Weg fuhr ich öfter mit dem Fahrrad zu meinen Großeltern vor und wartete dann so lange, bis unser Treck vorbei kam. Jetzt fuhren wir wieder tagsüber und rasteten nachts.
Unser Ziel war Leitmeritz an der Elbe. Anlässlich einer dieser Erkundungsfahrten musste ich erfahren, dass meine Großmutter oben auf dem Wagen erfroren war und man sie zurück gelassen hatte. Sie war damals schon sehr krank. Das geschah im Gebirge.
Meinen Großvater sah ich das letzte Mal auf einem Werksgelände, in welches wir zur Übernachtung eingewiesen worden waren. Er war 72 Jahre alt und offensichtlich schwer von der Flucht mitgenommen. Auf den wenigen Habseligkeiten sitzend, wartete er, dass jemand ihm helfe, aber zu jener Zeit war sich jeder selbst der Nächste.
Hier in Leitmeritz trennten sich abermals die Wege der Trecks. Unser Bürgermeiter, auf dessen Wagen wir waren, wollte Richtung Pilsen- Bayern weiter. Wildheider schlug die Richtung Dresden ein. Von den Menschen dieses Trecks wurde uns später berichtet, dass der Wagen, auf dem sich mein Großvater befand, bis nach Dresden kam. Hier verloren wir jedoch endgültig jede Spur von meinem Großvater.
Ein Teil der Goschützer blieben in Bilin damals Sudetendeutschland.
Unsere Marschroute führte uns bis kurz vor Pilsen. Auf dieser Strecke machten wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit bedrohlichen Tieffliegern. Der ursprüngliche Treck war nun auseinander gefallen und mit anderen Ortschaften vermischt, so dass man nicht mehr mit den ehemaligen Nachbarn zusammen war. Und hier kam das Gerücht auf, dass Partisanen den Übergang nach Bayern blockiert hätten, sodass unser Bürgermeister gemeinsam mit einigen Männern eine neue Strecke mit einem neuen Ziel ausmachte. So änderten wir unsere Route und marschierten in Richtung Saaz an der Eger, bis ins Fichtelgebirge.
Unglücklicherweise wurde nun unsere Mutter sehr krank und kam mit Gürtelrose ins Krankenhaus, während mein jüngster Bruder, Alfons, im Kinderheim untergebracht wurde. Wir übrigen Kinder wurden in einem großen Auffanglager in Saaz aufgenommen.
Der Bürgermeister setzte seine Flucht mit seiner Frau und den anderen Fahrgästen auf seinem Wagen, der Familie Reinhard aus Dreuhäuser und Frau Grete Sommer aus Goschütz, fort.
Nun aber verbreitete sich das Gerücht, dass der Russe einmarschieren sollte und ich holte sogleich meinen kleinen Bruder, Alfons, den man bereits für einen Kindertransport vorbereitet hatte, aus dem Kinderheim. Wir waren nun wieder glücklich als Familie vereint, zumal unsere Mutter ihre Entlassung aus dem Krankenhaus bewirken konnte, obwohl ihre Krankheit bei Weitem nicht geheilt war. Jetzt wurde ein Teil der Insassen des Flüchtlingslagers in Zügen abtransportiert. Wir gehörten jedoch nicht dazu, so dass wir die Ankunft der Russen hier erleben würden. Zu diesem Zeitpunkt kam ich ins Krankenhaus, um dort wegen einer schlimmen Knieverletzung, die ich mir beim Sturz aus dem Etagenbett eingehandelt hatte, operiert zu werden. Ich war gerade ganz frisch operiert, als unsere Mutter kam, um mich unverzüglich mitzunehmen da, wie sie sagte, alle Deutschen Saaz schnellstens verlassen mussten. Notgedrungen legten die Ärzte einen dicken Verband um mein Knie und entließen mich.
Als ich durch die ganze Stadt zum Bahnhof laufen musste, durchsetzte sich mein Verband mit Eiter und Wundwasser, was zu meiner Rettung führte, als wir am Bahnhof in Vieh-Waggons verladen wurden. Denn als die Russen mich von diesem Wagen herunter zerren wollten, sahen sie meinen Verband und ich sagte ihnen, dass ich TBC hätte, worauf sie sofort von mir ließen.
Was sich in dieser Nacht alles abspielte, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter erzählen. Am nächsten Morgen fuhr der Zug in Richtung Teblitzschönau ab.
Nun begann der Weg zurück nach Goschützhammer. Ungefähr 3 Wochen waren wir unterwegs bis wir zuhause ankamen, wobei wir zunächst mit der Eisenbahn in Viehwaggons reisten (einen Tag lang) und die restliche Strecke zu Fuß zurück legten.
Bei unserer Ankunft in Teblitzschönau wurden wir gefilzt, registriert und mit einem Passierschein versehen. Alles, was uns von unseren Habseligkeiten blieb, war ein Koffer, zwei Kopfkissen und das was wir am Körper trugen.
Hier stattete uns ein freundlicher Einheimischer für diesen Koffer, die zwei Kopfkissen aber auch den kleinen Bruder Alfons mit einem Kinderwagen aus, sodass wir den langen Marsch heimwärts nach Goschützhammer antreten konnten. Jetzt ging es über Hauptstraßen, meistens mutterseelenallein, heim.
Nach der Bahnfahrt, in Teplitzschönau bekamen Die Posprichs den Kinderwagen.
Unsere Route ging über Hirschberg Strehlitz zurück, wobei wir auf jeder russischen Kommandantur unseren Passierschein abstempeln lassen mussten. Im Umkreis von Breslau fanden wir die Ortschaften und militärischen Gerätschaften in zunehmendem Maße zerstört. Als wir durch die Straßen von Breslau gingen, fanden wir diese Stadt dermaßen zerstört, dass sie nur noch aus Schuttbergen zu bestehen schien.
Als wir dann an einer ehemaligen Kaserne vorbei kamen, rief eine russische Soldatin uns zu, wir sollten doch mal zu ihr kommen. Natürlich hatten wir alle Angst. Aber nachdem sie etwas Essbares in den Händen hielt, schickte mich meine Mutter zu ihr, es abzuholen. Die Soldatin riet mir in deutscher Sprache, im Nachbarhaus zu übernachten, da wir hier sicher seien. Dies taten wir dann auch und es war so wie sie es sagte.
Nordöstlich von Breslau kamen wir an einem riesigen Gefangenenlager vorbei. Die Gefangenen riefen uns ihre Namen zu, wir sollten ihre Angehörigen verständigen, was uns natürlich bei der Menge unmöglich war. Einem einzigen Gefangenen aus Goschütz konnten wir diesen Wunsch erfüllen, und dieser wurde kurze Zeit danach entlassen, um dann selbst nach Hause zu kommen.
Infolge der Krankheit unserer Mutter sowie meines kranken Knies kamen wir erst im Juni nach Goschützhammer zurück.
Wir waren erschüttert, einige Dörfer wie ausgestorben zu finden, wogegen in vielen anderen die deutsche Bevölkerung wieder zurückgekehrt war. Von Festenberg liefen wir über Goschütz zurück. In Goschütz waren viele Nachbarn wieder zurückgekehrt und die Freude, sich lebend wieder zu sehen war unbeschreiblich groß. In unserem Goschützhammer waren wieder alle zurückgekommen, alle, bis auf den Bürgermeister Trocha. Wir waren die letzten Heimkehrer und erfuhren, dass die anderen zum Teil schon 3 Wochen früher zurückgekehrt waren.
Bei dieser Odyssee hatten wir wenigstens schönes Wetter, an keinem Tag hatte es geregnet, die Sonne hatte stets treu geschienen.
Auf unserem verwaisten Hof sah es trostlos aus. Scheinbar war auf alles, was sich bewegte, geschossen worden. So waren der Hund, die Katze und fast sämtliche Hühner tot. Zu unserer Überraschung und Freude wagte sich nach einiger Zeit eine Henne aus ihrem Versteck. Wir fanden heraus, dass sie sich auf den Strohballen in der Scheune versteckt gehalten haben musste, da in den Ritzen zwischen den Ballen unzählige tote Küken lagen, die die Glucke nicht herauszuführen wagte. Sämtliche landwirtschaftlichen Geräte waren zerstört oder verschwunden. Die Vorräte waren wohl auch geplündert worden, lediglich die Kartoffelmieten waren nicht angetastet worden.
